Ist eine Papiertüte besser als eine Plastiktüte für die Umwelt?

In den letzten Monaten haben viele große Handelsketten alle Plastiktüten aus dem Sortiment verbannt und durch Papiertüten ersetzt. Nun feiern sich diese Handelsketten als Umweltschützer.

Nur, sind die Papiertüten wirklich besser für die Umwelt? Wir werden diese Frage wissenschaftlich klären und einige spannende Aspekte beleuchten.
Am Ende erläutern wir, warum die ganze Diskussion am eigentlichen Knackpunkt vorbei geht.

Der Durchschnittsdeutsche benötigte im Jahre 2010 64 Plastiktüten und liegt damit im Verbrauch weit hinter osteuropäischen Staaten wie Estland oder Polen, wo 460 Tüten verbraucht wurden. Aber trotzdem ein gutes Stück vor Dänemark und Finnland mit 4 Tüten pro Jahr.[1]

Für viele ist die Sache klar: Papiertüten sind viel besser, als Plastiktüten. Sie verrotten schneller, werden aus nachwachsenden Rohstoffen hergestellt und werden doch auch in Bioläden verwendet.

Plastik dagegen wird schon seit jeher als umweltschädlich betrachtet und braucht hunderte von Jahren, bis es verrottet ist. Zudem entsteht Mikroplastik, welches im Verdacht steht, bei Aufnahme durch den Menschen dessen Hormonhaushalt zu schädigen.

Diese Argumente stimmen allerdings nur teilweise. Ganz so einfach ist die Sache nämlich nicht.

Die Papiertüte verrottet. Ja, aber…

Der Fakt, dass Papier aus nachwachsenden Rohstoffen erzeugt wird, sagt noch nichts darüber aus, wie groß der ökologische Rucksack bei der Herstellung von Papier ist.
Derzeit werden von den Menschen alle Rohstoffe in einem solchen Ausmaß verbraucht, dass die Erde sich von diesen Eingriffen nach menschlichen Maßstäben nicht schnell genug erholen kann.
Bis ein neuer Baum gewachsen ist, der sich zur Herstellung von Papier eignet, vergehen schnell 10 Jahre.
Wenn aber jeden Tag 5 Bäume gefällt werden und nur einer gepflanzt wird, kann jeder sehen, dass wir bald gar keinen Wald mehr haben werden.

Das heißt also sowohl der Rohstoff für die Papierherstellung (Bäume, Wasser, Luft), als auch der Rohstoff für die Plastiktütenherstellung (Erdöl) sind in dem Maße, wie wir sie nutzen endlich.
Weiter unten werden wir uns die Materialintensität von der „Wiege bis zur Bahre“ beider Alternativen genauer ansehen.

Recyclingquoten Papier vs. Plastik

Auch wenn das Papierrecycling in Deutschland recht gut funktioniert und Quoten von 73% erreicht werden, so ist Recycling keine Dauerlösung.[2]
Bei einem Verlust von 27% pro Recyclingdurchgang (welcher zudem ja auch selbst Ressourcen verbraucht) ist nach acht Durchgängen bereits weniger als 10% des Ursprungsmaterials vorhanden.

Hinzu kommt, dass zur Herstellung von Papiertüten nur Primärmaterial verwendet wird (ebenso übrigens für die Getränkeverpackungen des Typs Tetra Pak), da dies über längere Fasern verfügt und wesentlich stabiler ist. Gebleicht werden viele der braunen Tüten nicht, wohl aber mit farbigen Firmenlogos bedruckt.

Generell besteht beim Recycling ja auch der Nachteil, dass nur ein Teil der verwendeten Ressourcen überhaupt ins Endprodukt einfließt und recycelt werden kann. (z.B. Wasserverschmutzung bei Produktion)

Beim Plastik ist die Recyclingquote aus privaten Haushalten niedriger. Sie liegt laut Bundesumweltamt bei 42%.[3]
Das bedeutet, dass bereits nach drei Durchgängen unter 10% des Ausgangsmaterials vorhanden ist.
Abfälle beim Haushaltsplastikmüll fallen meist verschmutzt und nicht sortenrein an, sind daher auch weniger hochwertig.

Anteil der Plastiktüten am Mikroplastikgehalt in den Weltmeeren:

Die EU-Kommission nimmt an, dass circa acht Milliarden Kunststofftaschen jährlich in die Umwelt gelangen (The Greens/EFA 2014). Bei einem Gewicht von sechs Gramm pro Kunststofftüte entspricht dies einer Gesamtmenge von 48.000 Tonnen, die darüber allein in der EU in die Umwelt gelangen. [4]

Wright et al. 2013 vermuten, dass insgesamt rund zehn Prozent der weltweit
hergestellten Kunststoffe auf kurz oder lang in die Ozeane eingetragen werden.
Das hieße, dass von den circa 100 Millionen Tonnen Kunststoff, die im Jahr
1990 weltweit hergestellt wurden, rund 10 Millionen Tonnen früher oder später in die Meere gelangen – und von den 2012 weltweit hergestellten 288 Millionen Tonnen knapp 30 Millionen Tonnen. Das entspräche pro Kopf der Weltbevölkerung – bei etwa sieben Milliarden Menschen im Jahr 2013 – rund 4,2 kg jährlich.[4]

Wenn also der Durchschnittsdeutsche, wie in der Einführung beschrieben, 60 Tüten pro Jahr verbraucht und davon 10% letztlich im Meer landeten, wären dies pro Deutschen 10 Tüten.
Wahrscheinlich kann man aber davon ausgehen, dass der Müllabtransport in Deutschland überdurchschnittlich gut funktioniert und nur 5% der Tüten im Meer landen. Wir reden also hier von ca. 30 bis 60 Gramm pro Person.

Relevant wäre hier noch, dass auch Plastikpellets, die zur Produktion von Plastiktüten benötigt werden, vor der Produktion beim Transport verloren gehen. Auch wenn dies nicht direkt in das Endprodukt einfließt, so ist dies doch in der Gesamtbetrachtung wichtig.
Dies führt uns zum nächsten Punkt.

Vergleich von der Wiege bis zur Bahre (ökologische Gesamtbilanz)

Das Wuppertal Institut führt Gesamtübersichten zum Materialinput von Produkten über die gesamte Lebenszeit durch.
Diese Zahlen sind dem Anhang des Buches „Grüne Lügen“ von Friedrich Schmidt-Bleek entnommen. In der letzten Spalte wurden die Materialinputs durch uns zusammengezählt.

Materialintensität für Plastik und Papier im Vergleich
Materialintensität für Plastik und Papier im Vergleich

Leider liegen keine Zahlen für den Punkt „Plastiktüte“ vor, so dass wir uns mit den Rohmaterialien der Plastiktüten begnügen müssen. Hauptsächlich wird hierfür Polyethylen eingesetzt. Teilweise auch Polypropylen.

Man sieht also, dass die Plastiktüte hier besser abschneidet, als die Papiertüte. Insbesondere Polypropylen erscheint weniger ressourcenintensiv in der Herstellung, wobei in der Tabelle nur „Granulat“ auftaucht, was noch weiterverarbeitet werden muss.
Anmerkung vom 11.10.2017: Leider liegen zu Polypropylen wie gesagt keine eindeutigen Zahlen vor. Eine Studie, die in Argentinien Tüten aus verschiedenen Plastikarten vergleicht, kommt auf eine hohe Materialintensität für Polypropylen. Wobei hier aber auf CO2 Äquivalente umgerechnet wurde und natürlich die spezielle Situation in Argentinien berücksichtigt wurde.[5]

Generell muss man also zwischen den verschiedenen Kunststoffen entscheiden.
Unsere Recherchen ergaben, dass Polypropylen meist für die etwas stabileren Plastiktragetaschen verwendet wird. Diese sind ohnehin für Mehrfachnutzung ausgelegt.
Leider ist dies auf den Taschen oft nicht deutlich ersichtlich.

Eine Papiertüte müsste man zwei bis drei Mal verwenden, damit sie der Plastiktüte aus Polyethylen ebenbürtig ist.
Um mit einer Plastiktüte aus Polypropylen gleichzuziehen, müsste man die Papiertüte sogar 7 Mal verwenden. (Vergleich Rohpapier mit Granulat auf Basis von Materialinput nach Wuppertal Institut)

Mehrfachtragetaschen

Es werden auch Mehrfachtragetaschen im Handel angeboten.
Gerade Modelle aus Baumwolle fallen durch eine hohe Materialintensität bei der Produktion auf. Pro Kilo Baumwolle werden etwa 1050 Kilo Ressourcen verbraucht, hauptsächlich Wasser.
Die Baumwolltasche lohnt sich also wirklich nur bei sehr häufiger Nutzung – etwa 6 Mal im Vergleich zur Plastiktüte (Polyethylen).

Und für Mehrfachtragetaschen aus Kunststoff gilt das gleiche wie für Plastiktüten:
Es kommt sehr auf den verwendeten Kunststoff an. Je öfter die Mehrfachtragetasche verwendet wird, desto besser.

Schlussfolgerungen und Tipps zur Benutzung von Tüten beim Einkauf

    Wenn Sie spontan eine Tüte benötigen, wählen Sie die Plastiktüte.
    Verwenden Sie diese Tüte mehrfach und zuletzt z.B. als Mülltüte.
    Auch wenn die Mikroplastik Problematik existiert, so ist der Beitrag durch Plastiktüten daran eher gering. Die Produktion von Papiertüten zerstört Wälder und verschmutzt Wasser.
    Plastik im Meer kann Tiere töten. Aber auch vergiftetes Wasser und das Roden von Wäldern zerstört Leben. Wir glauben, dass die wissenschaftliche Betrachtung des Wuppertal Institutes korrekt ist und der Einfluss von Plastiktüten auf unsere Biosphäre geringer ist.
    Nehmen Sie statt der Tüte eine Kartonverpackung aus dem Supermarkt.
    Die Kartonverpackungen von Lebensmitteln haben bereits einen Nutzen zum Transport der Lebensmittel vom Produzenten zum Supermarkt geliefert. Normalerweise werden diese nach dieser Benutzung entsorgt. Erhöhen Sie den Nutzen des Kartons, in dem Sie Ihren Einkauf darin transportieren.
    Verwenden Sie eine faltbare Mehrfachtragetasche aus Kunststoff. Diese kann nach Benutzung bequem gefaltet und dadurch einfach mitgeführt werden.

Warum das Thema Plastiktüten im Supermarkt Augenwischerei ist

Das Thema Supermarktplastiktüten ist Augenwischerei. Warum betrachtet man nur einen Teilaspekt des gesamten Produktionszyklus von Lebensmitteln? In der gesamten Kette des Produktionszyklus werden neben den unzähligen Verpackungen weitere Ressourcen verbraucht.
Beim Einkauf legen wir unzählige verschieden verpackte Artikel in den Einkaufswagen, um die sich niemand zu sorgen scheint.
So ist eine Verpackung aus Aluminiumfolie in der Regel 200 mal ressourcenintensiver in der Herstellung als eine Verpackung aus Frischhaltefolie. [6]
Während wir also den Ansatz begrüßen, sich mit unterschiedlichen Verpackungsmaterialien zugunsten der Umwelt zu befassen, geht er in die falsche Richtung was die Papiertüte anbelangt.
Und er ist zu punktuell und müsste global – also auf den gesamten Produktionszyklus – angewandt werden.
Erst dann nehmen wir den Handelskonzernen ab, dass sie wirklich was für die Umwelt tun wollen.

Auch hier gibt es einige positive Aspekte, worauf in einem zukünftigen Artikel eingegangen werden soll.

Quellen:
[1] https://de.statista.com/statistik/daten/studie/280389/umfrage/pro-kopf-weggeworfene-plastiktueten-in-der-eu-nach-laendern/
[2] http://www.umweltbundesamt.de/daten/abfall-kreislaufwirtschaft/entsorgung-verwertung-ausgewaehlter-abfallarten/altpapier
[3] http://www.umweltbundesamt.de/daten/abfall-kreislaufwirtschaft/entsorgung-verwertung-ausgewaehlter-abfallarten/kunststoffabfaelle
[4] https://www.umweltbundesamt.de/sites/default/files/medien/378/publikationen/texte_63_2015_quellen_fuer_mikroplastik_mit_relevanz_fuer_den_meeresschutz_1.pdf
[5] http://www.scielo.org.ar/scielo.php?script=sci_arttext&pid=S1851-75872012000100002
[6] Schmidt-Bleek, Friedrich: Grüne Lügen. München 2014, S. 176.

Ein Gedanke zu „Ist eine Papiertüte besser als eine Plastiktüte für die Umwelt?“

  1. Wichtiges Thema, danke für die Untersuchung. Leider kann ich der Argumentationsweise des Artikels nicht zustimmen.

    Es mag sein, dass die Plastiktüte die Energiebilanz-Debatte gewinnt. Allerdings ignoriert der Artikel damit seine eigenen Ansprüche, wenn er fragt „Warum betrachtet man nur einen Teilaspekt des gesamten Produktionszyklus […]?“. Der Artikel behauptet, die „ökologische Gesamtbilanz“ zu betrachten, geht auf die Problematik um die biologischen Folgen durch (Mikro-)Plastik nur äußerst oberflächlich ein und ignoriert den Umstand, dass ein Großteil der Konsumenten sich nicht dafür interessiert, Dinge – egal woraus oder wie hergestellt – mehrfach zu verwenden. Damit geht er mit seiner Rechnung stark an der Realität vorbei und fragt nicht, wie die Bilanz zwischen den Materialien von Tüten unter Betrachtung der „schlimmst-möglichen Verwendungsweise“ aussieht (die in einer Wegwerf-Gesellschaft die Realität widerspiegelt).
    Mich würde interessieren wie die Bilanz aussieht, wenn man bedenkt, dass die Folgen für Tiere und Pflanzen unter falsch entsorgten Tüten aus vollständig biologisch abbaubaren Rohstoffen weitaus weniger fatal sind als durch Plastiktüten, denn sowas wie in https://youtu.be/ozBE-ZPw18c („MIDWAY – a film by Chris Jordan“) passiert mit Papierprodukten nicht. Soweit ich https://youtu.be/67Gm6gDicfo („Plastic Planet“) verstanden habe, verrät auch keiner der Plastikpellet-Hersteller, woraus die Pellets eigentlich bestehen, sodass ich die These in den Raum stelle, dass selbst der ressourcenverschwendende Einsatz von Papier-Tüten den Vorteil hat, dass die ökologischen Folgen weitaus schneller sichtbar werden (schwindende Wälder) als die extrem schleichenden (und von der Plastik-Industrie sehr einfach abstreitbaren) Folgen von Mikro-Plastik.
    Mein Votum wäre eine Besteuerung von Produkten (so auch von Tüten), die sowohl den Ressourcenverbrauch berücksichtigt als auch die Kosten für die Gesellschaft unter Annahme der schlimmst-möglichen Entsorgungsweise (und nicht der optimalen, die an der Realität vorbeigeht).

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